Samhain ist kein nachweislich keltisches (also vorrömisch-eisenzeitliches) Fest.
Ich erkläre dir das hier ganz klar und wissenschaftlich belegt, aber leicht verständlich:
1. Was „keltisch“ in der Wissenschaft überhaupt bedeutet
Wenn Historiker oder Archäologen von den Kelten sprechen, meinen sie:
- die vorrömischen eisenzeitlichen Kulturen Europas (ca. 800 v. Chr. – 1 n. Chr.),
- die man archäologisch als Hallstatt- und La-Tène-Kultur kennt,
- mit sprachlich keltischen Gruppen (Gallier, Briten, Iberer, Helvetier usw.).
Diese Kulturen haben uns keine schriftlichen Aufzeichnungen ihrer Religion hinterlassen.
Alles, was wir über ihre Religion wissen, stammt aus:
- römischen Fremdberichten (z. B. Cäsar, Strabo),
und archäologischen Funden (Opferstätten, Figuren, Symbolik).
In keiner dieser Quellen taucht ein Fest namens Samhain auf.
2. Woher der Begriff Samhain tatsächlich stammt
Der Begriff Samhain ist altirisch (nicht kontinental-keltisch)
und erstmals in irischen Handschriften des 9.–12. Jahrhunderts belegt.
Diese Texte stammen also über 1000 Jahre nach der Eisenzeit.
➡️ Er gehört somit zur mittelalterlich-irischen Überlieferung,
nicht zur Religion der eisenzeitlichen Kelten auf dem europäischen Festland.
Belege:
Bernhard Maier, Die Religion der Kelten: Götter – Mythen – Weltbild (Beck, 2001)
Dáithí Ó hÓgáin, The Sacred Isle (Boydell, 1999)
Proinsias MacCana, Celtic Mythology (1970)
3. Wahrscheinlicher Ursprung: ein saisonales Bauernfest
Was Samhain vermutlich ursprünglich bezeichnete,
war das Ende der Sommerweidezeit in Irland:
Das Vieh kam in die Ställe, und das Jahr der Hirten endete.
Also ein agrarischer Wendepunkt,
kein religiöses Neujahr oder druidisches Ritual.
Belege: Barry Cunliffe, Die Kelten und ihre Geschichte (Klett-Cotta 2006)
4. Das moderne „Samhain“ ist eine Rekonstruktion
Die Idee von Samhain als keltischem Neujahr entstand erst im 19.–20. Jahrhundert,
vor allem durch:
irische Folkloristen, die Volksbräuche sammelten,
und später die Wicca-Bewegung (Gerald Gardner, Doreen Valiente).
Sie machten Samhain zu einem der acht „Jahreskreisfeste“,
die aber kein historisches Vorbild in der Antike haben.
Belege:
Ronald Hutton, The Stations of the Sun (Oxford 1996)
Ronald Hutton, The Triumph of the Moon (Oxford 1999)
Schlussfolgerungen:
Aussage Wissenschaftliche Bewertung
Samhain wurde in der Eisenzeit gefeiert.
❌ Keine Belege.
Samhain war ein druidisches Ritual.
❌ Kein Nachweis in antiken Quellen.
Samhain stammt aus dem mittelalterlichen Irland.
✅ Belegt.
Samhain markierte das Ende der Weidesaison.
✅ Wahrscheinlich.
Samhain ist ein „keltisches Neujahr“.
❌ Moderne Erfindung.
Endergebnis:
> Samhain ist kein keltisches Fest im archäologisch-historischen Sinn,
sondern ein mittelalterlich-irischer Begriff mit agrarischem Ursprung,
der in der Neuzeit spirituell neu interpretiert wurde.
Samhain als Ahnenfest
Samhain wurde erst im frühen Mittelalter, unter christlichem Einfluss, zum „Ahnenfest
Ursprung:
Agrarischer Wendepunkt (vorchristlich, aber nicht keltisch belegt)
In vorchristlicher Zeit (wahrscheinlich im alten Irland) war Samhain einfach der Beginn der dunklen Jahreszeit.
Es war kein religiöses Totenfest, sondern eine praktische Zäsur: Vieh kam in die Ställe, die Ernte war eingebracht.
Man vermutet, dass man zu dieser Zeit Ernte- und Herdrituale vollzog – aber keine Hinweise auf Ahnenkult.
Belege dazu:
Barry Cunliffe, The Ancient Celts, 1997 / dt. Die Kelten und ihre Geschichte, Klett-Cotta 2006
Bernhard Maier, Die Religion der Kelten, Beck 2001
Mittelalterliche Mythen:
Samhain als Grenze zwischen den Welten
Ab dem 9.–12. Jahrhundert taucht Samhain in altirischen Erzählungen auf – z. B. im Echtra Nerai („Neras Abenteuer“).
Dort heißt es:
In der Nacht von Samhain öffnen sich die Tore zur Anderswelt,
Geister und übernatürliche Wesen erscheinen,
und Lebende können mit den Toten in Kontakt treten.
➡️ Das ist der erste literarische Beleg, dass Samhain mit den Toten in Verbindung gebracht wurde.
Aber: Diese Texte wurden von christlichen Mönchen aufgeschrieben,
die alte Volksglauben bereits mit christlicher Jenseitsvorstellung verbanden.
Belege:
Echtra Nerai, in: Whitley Stokes (Hrsg.), Irische Texte, 1900 ff.
Proinsias MacCana, Celtic Mythology, 1970
Dáithí Ó hÓgáin, The Sacred Isle, 1999
Christianisierung:
Verbindung mit Allerheiligen & Allerseelen
Die entscheidende Entwicklung fand im 8.–10. Jahrhundert statt:
Papst Gregor III. (731–741) legte Allerheiligen (All Saints’ Day) auf den 1. November.
Kurz darauf (10. Jh.) wurde Allerseelen (All Souls’ Day) am 2. November eingeführt.
Diese beiden kirchlichen Feste übernahmen ältere Volksbräuche,
die zur gleichen Jahreszeit stattfanden, wahrscheinlich auch jene,
die in Irland mit Samhain verbunden waren.
➡️ Dadurch verschmolz Samhain mit dem Totengedenken:
Feuer, Speiseopfer, Lichter für die Toten → später Kerzen und Gebete.
„Ahnenfest“-Aspekte wuchsen innerhalb der christlichen Tradition,
nicht aus der keltischen Religion heraus.
Belege:
Ronald Hutton, The Stations of the Sun, Oxford 1996
Patrick Sims-Williams, Celtic Christianity: Britain and Ireland 400–1200, 2011
Neuzeit:
Vom Ahnenfest zu Halloween
Im 19. Jh. wanderten irische Bräuche (v. a. All Hallows’ Eve) in die USA aus.
Dort verbanden sich:
Volksglaube an Geister (aus Samhain-Mythen),
christliches Totengedenken,
und neue Brauchtümer (Kürbisse, Verkleidung).
➡️ Das heutige Halloween ist also eine kulturelle Mischung
aus mittelalterlich-irischer Überlieferung, christlichem Brauchtum
und neuzeitlicher Folklore... nicht ein „keltisches Ahnenfest“.
Belege:
Ronald Hutton, The Stations of the Sun, Kap. „Halloween and All Saints“
Nicholas Rogers, Halloween: From Pagan Ritual to Party Night, Oxford 2002
Zusammengefasst
Epoche Bedeutung von Samhain Belege
Eisenzeit (Kelten) Kein Nachweis – evtl. Saisonwechsel Keine schriftlichen Quellen
Frühmittelalter Winterbeginn, „Anderswelt öffnet sich“ Echtra Nerai, ca. 9.–10. Jh.
Mittelalter (christlich) Ahnen- & Totenfest, verbunden mit Allerheiligen Gregor III., 8. Jh.
Neuzeit Halloween / modernes Ahnenfest Hutton 1996, Rogers 2002
Samhain wurde erst im Mittelalter zum Ahnenfest,
als sich irische Volksvorstellungen mit dem christlichen Totengedenken (Allerheiligen / Allerseelen) verbanden.
In der keltischen Eisenzeit ist kein Ahnenkult oder „Totenfest Samhain“ belegt.
Es ist schade das so vieles "verromantisiert" wird weil es auch Interesse weckt.
Die Jahreskreisfeste sind wundervolle Gelegenheiten sich mit der Natur zu verbinden, Rituale abzuhalten, Danke zu sagen, uvm 💚🌿💫
Es bedarf keiner Ausschmückungen durch Verfälschungen.💚
Ich selbst bzw wir feiern Samhain als Ahnen und Neujahrsfest, weil ein neuer Zyklus in der Natur beginnt und die dunklere Jahreshälfte Ruhe und Rückzug verbreitet. So ist das Gedenken der Ahnen für uns ein Bestandteil dieser Zeit.
Wann wir feiern?
Dann wenn Es sich richtig anfühlt und nicht weil es vorgegeben ist 💚💫😊
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